EINER ZEIT, DER EINE FLICK COLLECTION RECHT IST,
SOLLTE EINE GÖRING COLLECTION BILLIG SEIN!
Im Rahmen der Diskussion um die Flick Collection fragte Salomon Korn
Anfang Mai 2004 polemisch: "Wird es bald auch eine Göring-Collection
geben?" Diese Frage kann nun endlich positiv beantwortet werden.
Die Enkel Inke Renate und Christian Robert denken darüber nach,
warum die Göring Collection dem Geist der Stunde entspricht.
Friedrich Christian Flick, Enkel des Rüstungsfabrikanten und
verurteilten Kriegsverbrechers Friedrich Flick, stellt ab dem 22.
September 2004 dem Hamburger Bahnhof seine 2.500 Werke umfassende
Sammlung zeitgenössischer Kunst leihweise zur Verfügung.
Die Sammlung, die im Zusammenhang mit dem Protest der Schwester Dagmar
Ottmann in letzter Minute in "Friedrich Christian Flick Collection"
umbenannt wurde und in den nächsten sieben Jahren unter dem Namen
"Friedrich Christian Flick Collection im Hamburger Bahnhof"
zu sehen sein wird, ist (viel zu) lange Zeit garnicht, dafür
in den letzten Wochen umso heftiger diskutiert worden. Auslöser
der Diskussionen ist unter anderem, dass "eine wertvolle Sammlung
moderner Kunst mit dem Geld aufgebaut wurde, das mittelbar aus dem
Blutgeld des Großvaters stammte" (Salomon Korn) und der
Name Flick jetzt durch die leihweise Zurverfügungstellung im
Hamburger Bahnhof eine enorme ideelle Aufwertung erfährt.
1944 hatte der Flick-Konzern, Deutschlands größter Rüstungsbetrieb,
120.000 Beschäftigte. 40% der gesamten Belegschaft bestanden
aus Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen. Diese
Zahl lässt natürlich nicht den dauernden Wechsel erkennen;
die Toten wurden nicht gezählt. 1960 war Friedrich Flick wieder
der reichste Deutsche.
Carinhall. Der Kunstsammler Göring in Pose vor einem Cranach-Gemälde
und einer französischen Bronzeskulptur.
Die Schuld des Großvaters, der Zwangsarbeiter beschäftigte,
von jüdischen Enteignungen profitierte und der Wehrmacht im großen
Stil Waffen lieferte, verfolgt die Enkel bis heute. Friedrich Christian
("Mick") Flicks Anliegen, der dunklen Familiengeschichte
durch eine Sammlung zeitgenössischer Kunst und deren leihweiser
Überlassung an ein öffentliches Museum einen positiven Aspekt
hinzuzufügen, ist durchaus nicht skandalös, sondern verständlich
und legitim. Hinterfragt werden sollte jedoch das Verhalten derjenigen
Institutionen, die sich an einem solchen Projekt beteiligen - besonders
dann, wenn es unter dem Label "Flick" gehandelt wird. Das
Zurückrudern der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, das
in der (zu) späten Relativierung der Sammlung durch die Namensänderung
in "Friedrich Christian Flick Collection" deutlich wurde,
verweist dabei symptomatisch auf diese Problematik.
Der eigentliche Skandal, auf den wir mit der "Göring Collection"
hinweisen wollen, ist das Verhalten des Landes Berlin und des Bundes:
nämlich die bewusste Teilnahme an dem Projekt der "Aufhellung"
eines Familiennamens, der - bislang zumindest - eine solche nicht
verdient. Friedrich Christian Flick weigert sich bis heute, in den
Fonds zur Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter einzuzahlen,
mit der Begründung, er habe (2001) eine eigene "Stiftung
gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Intoleranz" gegründet.
Dieser Skandal wird um so deutlicher, wenn man sich vor Augen führt,
was anderswo - nämlich in Oxford und Zürich - möglich
war. So wollte z.B. Bruder Gert-Rudolf ("Muck") Flick 1995
der Universität Oxford 350.000 £ (damals ca. 400.000 €)
für die Einrichtung eines "Flick-Lehrstuhls für die
Geschichte der Europäischen Idee" spenden. Sein Geld "schmutziger
Herkunft" war jedoch nicht willkommen. "Warum Ehre für
einen Kriegsverbrecher?", fragte die Times. Der gute Ruf Oxfords
werde durch den Namen "Flick" beschmutzt. Gert-Rudolf Flick
zog die Spende zurück.
Friedrich Christian ("Mick") Flicks geplanter Museumsbau
in Zürich scheiterte 2001 an der kollektiven Empörung der
Züricher Bürgerschaft und des schweizerischen Kulturestablishments.
Vor allem der Umstand, dass der Flick-Konzern aktiv die NSDAP unterstützte
und Zwangsarbeiter beschäftigte, hatte dort die Öffentlichkeit
beschäftigt.
Und in Berlin, der ehemaligen Reichshauptstadt? Nichts dergleichen.
Hier empfängt eine Delegation, bestehend aus der Stiftung Preußischer
Kulturbesitz, allen voran Klaus-Dieter Lehmann, Präsident der
Stiftung Preußischer Kulturbesitz, und Peter-Klaus Schuster,
Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, im Chor mit einem
ehemaligen Kultursenator, dem heutigen Regierenden Bürgermeister
und dem deutschen Bundeskanzler den Sammler mit vorauseilendem Gehorsam
und einer perfiden Verteidigungslinie, deren Argumentation da lautet:
"Wenn die Ausstellung erst einmal eröffnet ist, wird sich
die Diskussion mit Sicherheit der ausgestellten Kunst zuwenden"
(C. Stölzl), "Wir wollen Kunst und Politik klar voneinander
trennen" (E. Blume, Leiter des Hamburger Bahnhofs) oder "Es
gibt den direkten Zusammenhang zwischen den Kunstwerken und der Familiengeschichte
Flicks nicht - und dies ist zu beachten" (Stiftung Preußischer
Kulturbesitz). Wer Kunst nur als ein von der Gesellschaft losgelöstes
selbstreferentielles Phänomen wahrnimmt, weiß auch die
hervorragende Qualität der Göring Collection zu schätzen.
Auch wir sind davon überzeugt, dass man "Kunst nicht stigmatisieren
und die Enkel und Urenkel in andauernde Sippenhaft nehmen kann"
(Stiftung Preußischer Kulturbesitz). Wohl wahr: Einer Zeit,
der eine Flick Collection recht ist, sollte eine Göring Collection
billig sein!
Wir als Enkel akzeptieren die Zeichen der Zeit und erlauben uns daher,
auf die feierliche Eröffnung der Göring Collection in Carinhall
hinzuweisen.
Wir stimmen mit Peter-Klaus Schuster überein, wenn er sagt, "Flick
ist ein Portrait unserer Zeit". Hier zeigt sich eine Gesellschaft,
die es den Opfern überlässt, an ihr eigenes Leid zu erinnern.
Der Skandal sind nicht die in der Sammlung enthaltenen 2500 Kunstwerke
und es geht auch nicht darum, "die Arbeiten von Bruce Nauman
auf eine Familiengeschichte von Flick zu reduzieren" (P.-K. Schuster).
Skandalös wird es vielmehr dann, wenn die Kunst - gelabelt als
"Friedrich Christian Flick Collection im Hamburger Bahnhof"
- als Vehikel zur "Aufhellung" dunkler Familiengeschichten
benutzt wird.

Görings Schlafzimmer in Carinhall mit Werner Peiners "Europa
und der Stier"
Zur Sammlung Hermann Görings
Neuesten Untersuchungen zufolge umfasste die Göringsche Kunstsammlung
bei Kriegsende weit mehr als 2000 Kunstwerke. Alles war zusammengetragen
mit Hilfe privater und öffentlicher Gelder, Spenden und Geschenken
an den Privatmann wie den Inhaber zahlreicher Ämter, vor allem
aber war vieles Raubgut aus den besetzten Gebieten. Zur Finanzierung
diente ein "Kunstfonds", der über Jahre aus den Spenden
deutscher Großindustrieller gespeist wurde. Nach seinen eigenen
Angaben wollte Göring die Bilder nach dem Krieg der Öffentlichkeit
in einem geplanten Hermann - Göring - Museum in Carinhall (in
der Schorfheide, ca. 50 km nördlich von Berlin) zugänglich
machen und 1953 dem Staat übergeben. Der repräsentative
Herrensitz, den Hermann Göring nach seiner verstorbenen Frau
Carin "Carinhall" nannte, wurde am 28. April 1945 vor der
anrückenden Roten Armee von deutschen Truppen gesprengt. Teile
der Göringschen Kunstsammlung befinden sich heute im Besitz der
Bayerischen Staatsgemäldesammlungen in München, die 2004
in einem akribischen Provenienzbericht die Herkunft der Bilder aufgearbeitet
haben.
"Die Allianzen wichtiger Leute in der Stadt stehen!" (P.-K.
Schuster, Pressekonferenz am 9.1.2003)
Die Enkel Inke Renate und Christian Robert Berlin, im September 2004
Quellen
MÜHLEN, ILSE VON ZUR. Die Kunstsammlung Hermann Görings.
Ein Provenienzbericht der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen.
Köln 2004. HAASE, GÜNTHER. Die Kunstsammlung des Reichsmarschalls
Hermann Göring. Eine Dokumentation. Berlin 2000.
Was kann man sich mit Kunst kaufen?
Interview mit den Enkeln Hermann Goerings von Vera Goergen, Berliner
Zeitung, 23.09.2004
Warum geben Sie sich als Enkel Hermann Görings aus?
CHRISTIAN ROBERT GÖRING: Wir sind alle Enkel Hermann Görings.
Und nun wollen Sie seine Kunst in einer Göring Collection
ausstellen?
Die Kunst, die mein Großvater gesammelt hat, ist großartig.
Er war ein sehr kunstsinniger Mann. Diesen Charakterzug wollen wir
mit der Sammlung herausstellen und so auch diesem Aspekt der Gerechtigkeit
widerfahren lassen. Wir haben ihn nicht mehr gekannt, aber seine Liebe
zur Kunst hat immer eine große Rolle in unserer Familie gespielt.
Woraus besteht denn nun eigentlich die Göring Collection?
Die Göring Collection weist einige Parallelen zur Flick Collection
auf. Sie hat mit rund 2 500 Werken einen ähnlichen Umfang wie
die Flick Collection, und sie besteht zwar nicht nur aus Gegenwartskunst,
aber ebenfalls aus dem Besten, was es damals für Geld zu kaufen
gab: Cranach, Rubens, Rembrandt. Aber mein Großvater interessierte
sich auch für die zeitgenössische Kunst aus dem Dritten
Reich. In ganz Europa haben Kunsthistoriker für ihn gekauft.
Gerhard Richter hat ja in Bezug auf Flick gesagt: Wenn man viel Geld
hat, kann man sich ohne weiteres eine großartige Sammlung zusammen
kaufen, man muss nicht selbst ein Kunstkenner sein, man muss nur gute
Berater haben, und die hatte mein Großvater.
Welches Museum sollte sie denn zeigen?
Die Flick Collection hat mir gezeigt: Wenn die Kunst gut genug ist,
dann fragt man nicht, wo das Geld herkommt, mit dem sie erworben wurde.
Die staatlichen Museen haben kein Geld, selbst Kunst zu kaufen, und
sie überlassen es denjenigen, die die Kunst haben, zu entscheiden,
was gezeigt wird. Das hat mich zu dem Schritt veranlasst, die Sammlung
meines Großvaters der Öffentlichkeit zu präsentieren.
Wenn Flick, warum dann nicht auch Göring? Außerdem: Wie
der Großvater von Friedrich Carl Flick hat er in ganz großem
Maßstab mit Kunst Geschäfte gemacht. Er hat einen Fonds
eingerichtet, damit Großindustrielle ihm Kunst schenken konnten;
an dem war Flick an allererster Stelle beteiligt. Er hat da eingezahlt
und meinem Großvater pro forma Bilder für 145 000 Reichsmark
abgekauft, um sie ihm dann wieder zu schenken. Es gibt ein Cranach-Bild
- "Das Goldene Zeitalter", das wir auch präsentieren
-, das Flick meinem Großvater 1939 zu Weihnachten geschenkt
hat. Zu den Prunkstücken unserer Sammlung gehören auch Salomon
van Ruysdaels "Flusslandschaft", die Flick uns 1944 geschenkt
hat, sowie David Terniers "Landleben".
Warum hat Ihr Großvater überhaupt Kunst gesammelt?
Mein Großvater hat sich für die Kunst interessiert, weil
sie ihn das Tagesgeschäft vergessen ließ und weil er mit
ihr seinem Leben eine sinnliche, kultivierte Seite hinzufügen
konnte. Das eine bedingt das andere.
Wo waren die Werke bisher?
In Carinhall. Das ist ein großer Landsitz in der Schorfheide,
den mein Großvater in den späten 30er-Jahren noch einmal
erweitern ließ. Eigentlich wollte er die Bilder nach dem Krieg
öffentlich in einem Hermann-Göring-Museum ausstellen und
1953 dem Staat übergeben.
Sie haben bei der Eröffnung der Flick-Collection 5 000 Einladungskarten
zu Ihrer Sammlung verteilt.
Wie hat das Vernissagen-Publikum darauf reagiert?
Das war irgendeine High Society, wie ich sie in Berlin noch nie gesehen
habe. Manche sind lieber nicht mehr in die Flick Collection gegangen.
Flick kann sich dadurch, dass er Kunst sammelt, beim Kanzler an den
Tisch setzen. Das konnte er als Playboy nicht. Auch Flicks Großvater
hat sich schon den Einfluss der Politik gekauft durch Geschäfte
mit Kunst, er hat meinen Großvater und Hitler beschenkt. Kunst
ist eine Eintrittskarte in die Politik und in die höhere Gesellschaft,
deshalb hoffe ich, dass bei uns genauso darauf reagiert wird wie bei
Flick.
Die Fragen stellte Vera Görgen.
Der Dirigent Christian von Borries hat gestern und vorgestern zusammen
mit der Kunsthistorikerin Inke Arns Flyer verteilt, mit denen er zum
Besuch der fiktiven Göring Collection einlädt.
Goering Collection
Postkarte 1 /Goering
Collection Postkarte 2
Carinhall
/ Carinhall
/ Carinhall
/ GöringSammlung
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Hotel
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